Ich heiße
Raoul und bin ein Freund vom Kasperl.
Das war nicht immer so, noch vor
25 Jahren habe ich den Kasperl
nicht persönlich gekannt.
Ich hatte schon Kasperlbücher
gelesen und den Fernsehkasperl
gesehen, aber das war auch schon
alles.
Eines Tages bin ich umgezogen,
in eine neue Wohnung. Ich hatte
viele Koffer und Packerln. Weil
in der neuen Wohnung nicht so
viel Platz war, hatte ich den
überflüssigen Krimskrams
in den Keller geräumt. Dabei
bin ich über eine Kiste gestolpert.
Es war eine sehr alte Holzkiste,
eine Seefahrerkiste, so wie man
sie aus Piratenfilmen kennt. Ich
bin von Natur aus neugierig und
deshalb habe ich die Kiste in
die Wohnung mitgenommen. Nach
der Jause wollte ich die Kiste
öffnen.
Als Jause gibt es bei mir Kakao
und Gugelhupf und so schlürfte
ich auch an diesem Tag meinen
Kakao und biss genüsslich
in den Gugelhupf.
Da klopfte es plötzlich.
Ich öffnete die Tür,
aber es war keiner da. Verdutzt
setzte ich mich, da klopfte es
erneut.
"He willst du alles alleine
essen?" tönte es.
Ich blickte mich um, aber da war
niemand.
"Los, lass mich doch aus
der Kiste raus, ich habe Hunger."
Ich traute meinen Ohren nicht,
die Stimme kam tatsächlich
aus der Kiste.
Ich öffnete die Kiste und
der Kasperl hüpfte heraus.
"Trallali und trallala der
Kasperl ist nun wach und da. Und
meine Lieblingsspeise steht bereit,
danke sehr aufmerksam." trällerte
der Kasperl und verschlang ratzeputz
meinen Gugelhupf, auch den Kakao
hat er geleert.
Ich war wirklich erstaunt und
der Kasperl erzählte mir
seine merkwürdige Geschichte.
Ursprünglich wohnte der Kasperl
auf der Kasperlinsel irgendwo
im Indischen Ozean. Auf dieser
bunten Insel mit Papageien und
Kolibris lebten viele Kasperln.
Der Kasperl ging dort in den Kindergarten
und zur Schule.
Eines Tages kamen Seefahrer und
unser Kasperl bekam Fernweh, er
schlich sich auf das Schiff und
wurde ebenfalls Seefahrer. Der
Kapitän machte ihn zum Kajütenjunge
und der Kasperl lernte alles über
die Seefahrt.
Doch mit der Zeit bemerkte er,
dass alle seine Freunde immer
älter wurden. Nur der Kasperl
blieb so jung wie an dem Tag,
an dem er sich aufs Schiff geschmuggelt
hatte.
Da wurde ihm bewusst, dass für
ihn die Zeit mit dem Verlassen
seiner Kasperlinsel stehengelieben
war.
Aber seine Insel war nicht mehr
zu finden, sie war vom Meer verschwunden.
Der Kasperl ging nun an Land und
trat bei einem König in die
Dienste. Er erlernte den Beruf
des Spaßmachers. Aber auch
der König wurde alt. Der
Kasperl beschloss, sich nicht
mehr weiter auf die Suche nach
neuen Freunden zu machen, sondern
legte sich in seine alte Kiste
und schlief ein.
Nach 100 Jahren wachte er wieder
auf. Ein Zirkusdirektor hatte
die Kiste geöffnet. Der Kasperl
schloss mit ihm Freundschaft und
lernte so die ganz Welt kennen.
Als auch der Zirkusdirektor ein
alter Uropa war, legte er den
Kasperl wieder in die Kiste und
der Kasperl schlief ein. Dann
habe ich die Kiste geöffnet.
"Wie alt bist du eigentlich,
Kasperl?"
"Wenn ich das Schlafen dazurechne,
dann werde ich wohl gut 500 Jahre
alt sein.
Aber so genau weiß ich das
auch nicht. Vorerst freut es mich,
in dir einen neuen Freund gefunden
zu haben.
"Oh, wie es hier ausschaut.
Ich muss wohl wieder fast ein
Jahrhundert geschlafen haben.
Du musst mir alle Neuerungen genau
erklären"
Ich habe dem Kasperl alles genau
erklärt und heute kennt er
sich mich mit
Computern schon besser aus als
ich, und im Internet ist er auch
immer für einen Spaß
bereit. Ein Jahr nach unserer
Begegnung gründeten wir gemeinsam
das "Grazer Kasperltheater"
und es freut mich immer wieder,
wenn ich mit dem Kasperl gemeinsam
spielen darf.
Wenn ich einmal alt bin, dann
werde ich den Kasperl in seine
Kiste zurücklegen und hoffen,
dass er ein paar Jahre später
wieder einen neuen Freund findet.